21.10.2015

Kriminalpsychologin Lydia Benecke: „Monogame Vampire? Grauenvoll!“

Kriminalpsychologin Lydia Benecke: „Monogame Vampire? Grauenvoll!“

Kann das Schicksal jemanden dazu bringen, böse zu werden? Oder wird man böse geboren? Und gibt es überhaupt böse Menschen? Der Horrorthriller „Horns“ von Alexandre Aja mit Daniel „Harry Potter“ Radcliffe in Bestform stellt genau diese Fragen und erscheint in Deutschland am 17. Dezember 2015 auf DVD und Blu-ray. Wir sprachen mit der bekannten Kriminalpsychologin Lydia Benecke über das Thema. Es wurde ein Gespräch über böse Menschen, böse Taten, bösen Humor, das Oktoberfest und die „Twilight“-Filme.

Horrormagazin.de: Frau Benecke, gibt es verrückte Menschen?

Lydia Benecke: Ja sicher. Wobei die Frage aus psychologischer Sicht lautet: Ist jemand psychisch krank. Und dafür gibt es verschiedene Kriterien. Nicht jeder, der etwas anders herumläuft oder aus der Norm fällt, ist gleich krank.

Wann ist man denn krank?

Benecke: Die moderne Psychologie sagt, wenn Sie einen Leidensdruck haben oder sich oder anderen schaden.

Bin ich schon krank, wenn ich mich gern in Bars mit anderen Leuten prügele?

Ein bisschen anders darf es gern sein: Lydia Benecke (Foto: Viona Ielegems)

Ein bisschen anders darf es gern sein: Lydia Benecke (Foto: Viona Ielegems)

Benecke: Es kommt darauf an, ob die anderen das auch wollen. Es gibt ja Orte, an denen sich Leute einvernehmlich Kämpfe liefern. Wenn Sie aber Menschen verhauen, die keine Lust darauf haben, kann das schon krankhaft sein. Und wenn sie das Verhalten nicht abstellen können, dann könnte eine Krankheit dahinterstecken, zum Beispiel eine Persönlichkeitsstörung.

Können Sie nachvollziehen, warum Menschen anderen Menschen Schaden zufügen?

Benecke: Ich glaube schon. Das ist auch der Grund, weshalb ich meinen Beruf gewählt habe. Kriminelle Handlungen unterliegen meiner Meinung nach immer einer Logik. Die hängt von persönlichen Eigenschaften ab und von der Situation, in der man gerade steckt. Und ich will immer verstehen, warum jemand in einer bestimmten Situation ein Verbrechen begangen hat. Dann kann man es zwar nicht entschuldigen aber zumindest logisch erklären.

Kriegen Sie als Verbrecher-Versteher manchmal Ärger?

Benecke: Nein. Ich laufe privat eher alternativ und gruftig herum. Das schreckt konservative Leute dermaßen ab, dass sie sich gar nicht erst mit mir unterhalten.

Welche Art von Menschen kann Ihnen noch Angst machen?

Benecke: Normale Menschen. Ich kann auffällige Menschen viel besser einschätzen als die, die wenig eindeutige Signale senden. Ich war einmal auf dem Oktoberfest und war regelrecht entsetzt. Es ist der genaue Gegenentwurf zum Wave-Gothik-Treffen. Und ich dachte mir: Das machen also die normalen Menschen. Sie besaufen sich und lassen ihren Trieben freien Lauf, um dann im Büro wieder der biedere Mensch zu sein.

Alles nur Fassade?

Benecke: Ja. Und sie brauchen Alkohol und ein Kostüm, um diese Fassade abzulegen. Diese Form von Normalität finde ich viel gruseliger als beispielsweise die Szenen für Wave-Gothik, Bondage-SM oder Real-Life-Vampire. Alternative Welten verstehe ich viel besser.

Wo hört denn für Sie der Spaß auf?

Benecke: Wenn man weiß, dass man anderen schadet, und es in Kauf nimmt. Es gibt keine guten und bösen Menschen. Aber es gibt gute und böse Handlungen.

Was ist das Bizarrste, was Ihnen bislang untergekommen ist?

Benecke: Ich habe mit Straftätern zu tun, da ist fast jeder Fall irgendwie bizarr. Aber viele Verbrecher hatten eine schwierige Kindheit. Sehr verblüffend finde ich deshalb die Fälle, in denen Familien zeigen wollen, dass sie eigentlich gar kein Problem haben. Da hat ein Jugendlicher einen sexuellen Übergriff gemacht, kommt aber aus einer etwas besseren Familie. So eine typische aus der deutschen Mittelschicht mit Einfamilienhaus, Vater, Mutter, Kind und Kombi. Solche Familien fragen dann, warum ihr Kind so kaputt ist. Es habe doch eine schöne Kindheit gehabt und immer alles bekommen. Dabei ist psychisch in der Familie einiges nicht rund gelaufen. Und dann wollen die Eltern quasi die Reparatur bezahlen, sodass ihr Kind wortwörtlich wieder normal wird. Das sind manchmal die biedersten Familien. Dann denke ich immer nur: Wow.

Und sagen was?

Benecke: Dass wir das Kind nicht reparieren können, aber zumindest dafür sorgen, dass es keinen Schaden anrichtet und klarkommt. Es sind diese Familien, die immer nur den Schein wahren wollen, die ich wirklich gruselig finde.

Das aktuelle Buch von Lydia Benecke: Sadisten: Tödliche Liebe - Geschichten aus dem wahren Leben (Bastei Lübbe)

Das aktuelle Buch von Lydia Benecke: Sadisten: Tödliche Liebe – Geschichten aus dem wahren Leben (Bastei Lübbe)

Wo steckt dort das Problem?

Benecke: Die Eltern sind emotional distanziert und gehen nicht auf das Kind ein. Das Kind bekommt das Gefühl, nichts wert zu sein, wenn es keinen Preis gewinnt oder mal eine schlechte Note mit nach Hause bringt. Es ist dann manchmal nur ein Statussymbol. Das ist gefährlich, denn Kinder sind einfach keine Statussymbole.

Die berühmte schlimme Kindheit nutzen kaputte Typen gern auch mal als Ausrede.

Benecke: Wer so etwas sagt, weiß nicht genug über dieses Thema. Es ist wie beim Rauchen. Wenn man raucht, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass man Lungenkrebs oder Herzprobleme bekommt. Das muss aber nicht passieren. Mit der Kindheit ist es genauso. Je früher und länger ein Kind ungünstigen Bedingungen ausgesetzt ist, desto wahrscheinlicher bekommt es psychische Probleme. Aber am Ende hängt es von seinen Genen und Umweltbedingungen ab.

Rauchen Sie?

Benecke: Nur sehr, sehr selten.

Was sind ungünstige Lebensbedingungen?

Benecke: Emotionale, körperliche oder sexuelle Misshandlungen.

Wir müssen jetzt mal den Bogen in Richtung Film bekommen.

Benecke: Sehr gern.

Was schauen Sie gern?

Benecke: Hauptsächlich Serien. Aber ich mochte auch immer diese düsteren Filme. „Das Schweigen der Lämmer“ etwa oder „Bram Stoker’s Dracula“. Aus heutiger Sicht kommen wahrscheinlich noch Psychothriller hinzu. Und kürzlich habe ich die Horrorkomödie „Knights of Badassdom“ gesehen und fand sie sehr lustig. Sie veralbert die Realität sehr, sehr schön.

Ich sage Ihnen jetzt einen originalen Satz von jemandem, den ich kenne: „Es kann keine Horrorkomödien geben. So etwas ist nicht lustig.“

Benecke: Humor nimmt furchterregenden Dingen den Schrecken. Ich kenne genügend Polizisten und Forensiker, die das bestätigen können. Wir alle tendieren zu einem sehr schwarzen Humor. Es ist eine psychologische und sehr gesunde Verarbeitungsstrategie, dass man über Grauen auch lachen kann.

Politisch korrekte Leute verurteilen das gern.

Benecke: Jeder, der mit Verbrechern arbeitet, weiß, dass man ohne eine gute Portion schwarzen Humors heulend zusammenbrechen würde.

Was fasziniert Menschen an Horrorfilmen generell?

Benecke: Einerseits ist es angenehm, sich zu gruseln, dabei aber auf der sicheren Seite zu sein. Das ist ein bisschen wie das Kribbelige bei einer Achterbahn. Ich denke aber auch, dass Menschen ihre eigenen aggressiven Anteile dort hineinprojizieren. Dass sie sich vorstellen, dass sich das Gezeigte in der Situation vielleicht nicht schlecht anfühlen würde. Wobei sie das natürlich nicht wirklich machen würden.

Zurzeit boomen Zombies.

Benecke: Ich finde sie nicht so gut, weil sie als hirnlos dargestellt werden. Hirnlose Verbrechen sind für mich als Psychologin sehr frustrierend. Ich bin seit meiner Kindheit Fan von Vampiren.

Warum?

Benecke: Ich war eher der melancholische Außenseiter. Deshalb konnte ich mich mit Vampiren identifizieren. Sie leben losgelöst von der Menschheit und lieben die Nacht. Was normale Menschen gruselig finden, finden Vampire angenehm. Das passte sehr gut zu mir.

Was halten Sie von „Twilight“?

Benecke: Vampire sind bindungsunfähige, lustgesteuerte Wesen. Alles, was sie ausmacht und auszeichnet, verkehrt „Twilight“ komplett ins Absurde. Dieses Glitzern? Diese monogamen Vampire? Grauenvoll!

Aufmacherfoto: Olivier Favre

Über den Autor Martin Riggs

Sein Pseudonym hat er von Martin Riggs aus "Lethal Weapon" entliehen, einer seiner liebsten Filmfiguren. In seiner Freizeit widmet er sich leidenschaftlich gern dem Thema Kino, unter anderem allem, was ihm eine Gänsehaut oder ein Lachen beschert.
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